Dagmar Pfannhofer

„Tue deinen Mund auf für den Stummen,
für das Recht all derer,
die dem Untergang geweiht sind!
Tue deinen Mund auf,
richte recht
und verteidige den Elenden und Armen!“
(Buch der Sprüche 31,8-9)

Menschen anderer Länder und Kulturen haben mich schon immer interessiert und fasziniert – wohl umso mehr, als Internationalität in meinem kleinen Heimatdorf im oberösterreichischen Alpenvorland sehr rar war. So weit ich mich erinnern kann, gab es in meiner Kindheit eine einzige „Ausländerin“ in unserem Ort – eine Japanerin, die es durch ihre Liebe zur klassischen Musik und zu einem Einheimischen in dieses Nest verschlagen hat. Sie hatte wohl nicht viele gute Freunde hier, aber meine Mutter war eine davon. Und so kam es, dass ich trotz dieser kulturellen Homogenität schon als Kind lernte, dass für manche Menschen Deutsch eben eine Fremdsprache ist, aber man sich mit ein wenig Rücksicht trotzdem wunderbar – und oft auch ohne die „richtigen“ Worte –verständigen kann; dass auch in anderen Ländern köstliches Essen gekocht wird; dass sich hinter Gesichtszügen, die ganz anders sind als meine, ein Mensch mit ähnlichen Gedanken, Gefühlen und Sehnsüchten verbirgt; dass ein Glaubens- und Wertesystem zwar anders sein kann, aber dass beide Seiten profitieren, wenn man offen und bereit ist, sich auszutauschen und das Gute vom anderen zu lernen.

Und dann tauchte diese tschetschenische Mutter mit ihren Kindern in unserem Dorf auf. Die Geschichte habe ich so in Erinnerung: Sie sei auf ihrer Flucht kilometerweit zu Fuß gegangen, an jeder Hand ein Kind, das kleinste auf den Schultern und hochschwanger mit dem vierten. Die Hebamme im Krankenhaus wurde aufmerksam und in einem spontanen Akt der Nächstenliebe hat sie veranlasst, dass die Mutter mit ihren vier Kindern in einem leerstehenden alten Bauernhäuschen bei uns im Ort untergebracht wird. Auch meine Eltern haben den Kontakt gesucht. Zunächst dachte ich, dass jemand, der so arm ist, wohl auch sehr ungebildet sein muss. Wie staunte ich, als wir erfuhren, dass sie Professorin für Russisch war! Und hier in Österreich… Man erklärte mir, dass ihre Ausbildung nichts gelte, dass sie Glück habe, wenn sie als Putzfrau oder Pflegekraft eine Arbeit findet. Ich fand das so ungerecht! Irgendwann sind sie weggezogen, wollten in eine Stadt, wo es mehr Arbeitsmöglichkeiten und andere Menschen aus ihrem Heimatland gibt. Manchmal frage ich mich, was aus ihnen geworden ist: Ob sie hierbleiben durften? Ob sie ihren Mann und Papa wiedergefunden haben? Ob die Kinder eine Chance auf ein gutes Leben bekommen haben?

Ich denke, dass man so leicht vergessen oder verdrängen kann, dass „die Flüchtlinge“, „die Afghanen“, „die Asylanten“, „die Ausländer“, … zuallererst einfach Menschen sind wie du und ich: Menschen, die lieben, lachen, träumen, hoffen, reden, lernen, leiden, trauern. Sie wollen leben – in Frieden, Gemeinschaft, Geborgenheit, gewollt und gebraucht, anerkannt und wertgeschätzt. Sie haben das Pech, aus welchem Grund auch immer, das in ihrer Heimat nicht zu erfahren. Meistens spielt das globale System der Unterdrückung und Ausbeutung eine Rolle dabei. Kann ich dieses System ändern? Nein. Vielleicht ein wenig. Kann ich die Not eines konkreten Menschen lindern, ihm ein Leben mit Zukunft und Hoffnung ermöglichen? Ja, auf jeden Fall. „Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Evangelium nach Matthäus 25,40).

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